Ethnobotanik – Begriffserklärung

Der Begriff Ethnobotanik umschreibt die Botanik als Teilgebiet der Biologie im Bezug auf die Verwendung von Pflanzen durch den Menschen. Diese Wissenschaft, auch Ethnopharmakologie genannt, bezieht sich auf Heilpflanzen, Nutzpflanzen und Pflanzen, welche in rituellen Brauchtümern von vielen, überwiegend vorindustriellen sowie indigenen Volksgruppen genutzt werden und wurden.

Die Bezeichnung „Ethnobotanik“ wurde von John William Harshberger, einem Botaniker und Mykologen aus den Vereinigten Staaten, 1895 zum ersten Mal offiziell verwendet.

Sinn und Aufgabe der Ethnobotanik ist die Entdeckung, Bestimmung, und Erforschung von Pflanzen und pflanzlichen Stoffen, welche für den Menschen einen besonderen Nutzwert haben. Sie bezieht sich dabei auf die Bereiche der Medizin, Ernährung sowie Biochemie. Verwendung finden bei der Ethnopharmakologie sowohl die Methodik der Ethnomedizin als auch botanische Methoden.

Die Wissenschaft der Ethnobotanik wurde maßgeblich geprägt durch den us-amerikanischen Philosophen Terence McKenna, welcher in Fachkreisen auch als Wegbereiter der Ethnopharmakologie bezeichnet wird. Der deutsche Pharmakologe Michael Heinrich erzielte in der Wissenschaft der Ethnopharmakologie durch diverse Forschungen mit Nutzpflanzen und deren Wirksamkeit als entzündungshemmende Arzneimittel bedeutsame Ergebnisse.

Ethnobotanik – Wissenschaft mit philosophischen und spirituellen Aspekten

Richard Evans Schultes – Ethnobotaniker

Die Ethnobotanik wird auch als Lehre des Zusammenhangs von der Natur und dem Menschen bezeichnet. Denn zwischen den verschiedenen Kulturen der Menschheit und der Pflanzenwelt besteht eine tiefe und untrennbare Verbindung. Florale Gewächse dienen schon seit Urzeiten als Nahrung, als Färbemittel, Bausubstanz, Medizin und finden bei rituellen Gebräuchen Verwendung. Bei vielen Volksgruppen (Naturvölkern) steht nicht nur die körperliche Dimension der Pflanze, sondern auch eine seelische Existenz im Vordergrund.

Ein kleiner Teilaspekt der Ethnobotanik widmet sich dem Studium von entheogenen Pflanzen und deren Wirkung auf den menschlichen Organismus sowie deren Bedeutung im Bezug auf Riten und Gebräuche. Denn Sinn und Hintergrund der Ethnobotanik setzt sich, ähnlich wie das geschriebene Wort, aus Ethnologie und Botanik zusammen. Es geht also um das Studium verschiedener Ethnien und Völker im Umgang mit Pflanzen, auf welche Weise sie die Kultur prägen, welchen Einfluss sie auf die Menschen nehmen und welche Art von Bedeutung ihnen zugesprochen wird. Ethnobotanik untersucht, wie Volksgruppen Pflanzen benennen, erforschen und nutzen. In allen Kulturen spielen Pflanzen als Nahrungsmittel, Heilmittel, Rauschsubstanz, als Faserpflanzen, als Möglichkeit zur Giftgewinnung, als Zierobjekte sowie Kultgewächse im Bezug auf die Symbolik eine entscheidende Rolle. Somit fließt auch ein Teil der Erforschung von Glaube und Aberglaube in die Ethnobotanik mit ein. Die Wissenschaft der Ethnopharmakologie beleuchtet den Stellenwert von Pflanzen aus unterschiedlichsten Perspektiven und ist darum ein breit gefächertes Themengebiet, in dessen Zentrum heute die Nutzung von Heilpflanzen steht. Ethnopharmakologie schließt Bereiche der Botanik, der Pharmakologie, der Anthropologie und der Ethnologie mit ein.

Neben dem streng definierten Paradigma des fassbaren Teiles von Pflanzen, also des physiologischen Aspektes, sprechen Teilbereiche der Ethnobotanik dem nicht sichtbaren, ohne biologisch feste Stofflichkeit zu greifendem, spirituellen Aspekt eine hohe Bedeutung zu und beschäftigen sich mit dieser Art der Existenz.

Ethnobotanik als offiziell anerkanntes Lehrfach

Während die Ethnobotanik an der us-amerikanischen Universität Harvard als zugelassenes, offizielles Studienfach angeboten wird, ist es im deutschsprachigen Raum sowie in ganz Europa nicht möglich, Ethnobotanik als solches zu erlernen. In den USA spielt die Ethnobotanik als Lehrfach insbesondere für die industrielle Pharmakologie, also für Pharmakonzerne eine besonders große Rolle. In Deutschland ist die Lehre dieser umfassenden Wissenschaft lediglich als kleiner Teilaspekt in anderen wissenschaftlichen Bereichen zu finden.

Ethnobotanisch relevante Heilpflanzen

Ein großer Teil der Ethnobotanik und die wissenschaftliche Sichtweise des Bereiches im Bezug auf die Forschung legt seinen Fokus auf die Bestimmung, den Anbau sowie die Verwendung von Pflanzen als Heilmittel. So haben verschiedene Völker auf verschiedenen Kontinenten Zugang zu Pflanzengattungen, deren natürliches Habitat ihren Lebensraum darstellt. Auch in Europa ist eine Vielzahl an wirksamen und in der Pharmakologie genutzten Heilpflanzen heimisch.

Während einige Pflanzengattungen ausschließlich eine heilsame Wirkung auf den menschlichen Körper zeigen und ansonsten ohne merkbare Wirkung bleiben, sind andere Arten von Gewächsen hoch giftig oder weisen einen psychedelischen Charakter auf. Im Umgang mit diesen Pflanzen ist Verantwortungsbewusstsein und Fachkenntnis von Nöten. Zu den bekanntesten Heilpflanzen mit toxischen Eigenschaften innerhalb von Deutschland sowie dem gesamten europäischen Raum gehören die Tollkirsche (Atropa belladonna) und der Stechapfel (Datura stramonium, Daturaferox) aus der Familie der Nachtschattengewächse sowie der blaue Eisenhut (Aconitum napellus). Zu den nicht toxischen oder weniger giftigen Pflanzen mit heilender Wirkung in Europa zählen die echte Kamille (Matricaria recutita), die Zitronenmelisse, (botanisch Melissa officinialis), sowie das echte Johanniskraut (Hypericumperforatum). Teile dieser Gewächse finden sich in einigen Medikamenten, vielen Tees oder Salben und Cremes zum medizinischen oder kosmetischen Gebrauch.

In weiten Teilen Asiens, in Nord- und Südamerika sowie in Australien und Madagaskar kommen Arten der ethnopharmakologisch bedeutsamen Pflanzengattung „Passiflora“ vor. Die Passionsblume, insbesondere die Art „Passifloraincarnata“ liefert durch ihre Blätter ein wirkungsvolles Gegenmittel für verschiedenste Beschwerden von Körper und Geist. In der Phytotherapie wird die Passionsblume in Form von Präparaten sowie in getrocknetem Zustand als Tee verwendet.

Im asiatischen Raum werden bestimmte Heilpflanzen in der TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) genutzt, deren Wirkung mittlerweile auch in Europa bestens bekannt ist. Hierzu gehören Gewächse wie Gingseng (Panax ginseng) und Pflanzen die dem Ginseng ähnlich sind (Lepidium meyenii, Jiaogulan – Gynostemma pentaphyllum), sowie der chinesische Enzian (Gentiana macrophylla).

Umgang mit Heilpflanzen von toxischer und nicht toxischer Natur

Die Wissenschaft der Ethnobotanik umfasst das ausführliche Studium von bestimmten Pflanzen und deren Wirkung auf den menschlichen Organismus. So können Gewächse mit giftigen Eigenschaften durch fachkundige Verarbeitung und Aufbereitung als Heilmittel für unterschiedliche Beschwerden verwendet werden. Ohne fachkundige Anweisung kann der Verzehr von pflanzlichen Teilen zu schweren Vergiftungserscheinungen wie Lähmungen, Krampfanfällen, Halluzinationen und Psychosen oder sogar zum Tod führen. Solche und ähnliche Vorfälle sind insbesondere im Zusammenhang mit der Einnahme von Stechapfelteilen und dem Verzehr von Tollkirschen bekannt.

Ethnobotanisch relevante Gewächse ungiftiger Natur können meist gefahrlos auch von weniger Fachkundigen selbst angepflanzt, geerntet und verarbeitet werden. Zu dieser Pflanzengruppe zählen die Ringelblume (Calendula officinialis), welche in Salben und Tees verwendet wird, der Salbei (Salvia officinalis) und die Schafgarbe (Achillea millefolium), die aufgrund ihrer entzündungshemmenden und entkrampfenden Wirkung den Menschen schon seit Jahrhunderten als wertvolle Heilpflanze dient. Auch der echte Lavendel (Lavandula angustifolia) und der Baldrian (Valeriana officinalis) sind aus der Naturheilkunde nicht mehr wegzudenken. Teile dieser Gewächse oder Auszüge daraus befinden sich in vielen homöopathischen Arzneien, dienen als Grundstoff für bestimmte Medikamente oder werden Cremes und Tees beigemischt. Während einige Präparate rezeptpflichtig sind können andere frei erworben oder sogar selbst gezüchtet werden.

Ethnobotanik als Wissenschaft

Die Ethnobotanik oder Ethnopharmakologie steht eng im Zusammenhang mit der kulturellen Entwicklung von Volksgruppen und das Studium um die Auswirkungen und Erfahrungen mit bestimmten Gewächsen nimmt großen Einfluss auf die Erforschung und Verwendung von Nutz- und Heilpflanzen in der heutigen Zeit. Obwohl die spirituelle Komponente dieser Wissenschaft als ein eher umstrittener Aspekt gilt, da der Wirkung von pflanzlichen Stoffen im Schamanismus und rituellen Brauchtümern eine gewisse Skepsis entgegen gebracht wird, ist die Ethnobotanik als ernstzunehmende und bereichernde Wissenschaft anzusehen.

Steffen Bauer

Seit meiner Kindheit bin ich fasziniert von Flora & Fauna. Bereits auf dem Weg zum Abitur habe ich mich aus diesem Interesse heraus selbstständig gemacht und betreibe seitdem diesen Onlineshop. Ab 2011 habe ich an der Universität Konstanz Biologie studiert und 2015 mit dem Bachelor of Science abgeschlossen.

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